Dr. Lars Sievert
FA für Allgemeinmedizin Naturheilverfahren Chirotherapie, Osteopathie Akupunktur, Notfallmedizin
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Betrachtungen zum Begriff Ganzheitliche Medizin

Unter dem Begriff der Naturheilkunde verstehe ich  die Lehre von der Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten unter "Einsatz von der natürlichen Umwelt entnommenen und naturbelassenen Heilmitteln". Hierzu zählen physikalische Reize (Licht, Luft, Wärme/Kälte, Bewegung/Ruhe), die Ernährung, pflanzliche und andere natürliche Arzneistoffe sowie die Regelung der Lebensweise über therapeutische Gespräche und Entspannungsverfahren. Rothschuh betont, dass es sich bei der Naturheilkunde um "eine Kunde, eine Doktrin, ein Konzept für Gesundheit und Krankheit" handelt, um "eine Vorstellung über ihr Wesen und ihre Quellen, um daraus die Bevorzugung und Indikation bestimmter Heilverfahren zu begründen". Auf die den jeweiligen Naturheilverfahren zugrunde liegenden Modellvorstellungen (der "Naturheilkunde") werde ich immer wieder zu sprechen kommen. Da die Schulmedizin andere Konzepte zugrundelegt als die Naturheilkunde, können Mißverständnisse dadurch entstehen, dass durch ein Wort bei gleicher "Oberflächengrammatik" zwei völlig unterschiedliche "tiefengrammatische" Phänomene gemeint werden. Verwendet ein Naturheilkundler, der traditionelle chinesische Medizin betreibt, z. B. den Begriff "Gallenblase", so meint er damit den gesamten Funktionskreis Leber-Gallenblase und nicht nur das anatomische Organ der Schulmedizin. Solche Mißverständnisse führen im Gespräch zwischen Naturheilkundlern und Schulmedizinern immer wieder zu gegenseitiger Ablehnung. In dieser Arbeit habe ich die physiologischen und pathophysiologischen Denkmodelle nur insoweit dargestellt, wie es zur Erläuterung medizin-ethischer Probleme nötig ist.

Naturheilkunde hat sich immer als Ganzheitsmedizin verstanden.
Man ging von der psychophysischen Einheit des Menschen aus. Detelf Bothe faßt den Unterschied zwischen Naturheilkunde und Schulmedizin wie folgt zusammen:

    "Gegen die analytisch forschende naturwissenschaftliche Medizin und ihre Betrachtungsweise von Krankheit als einem lokalisierten Organgeschehen wurde gerade von den Naturärzten immer wieder die Einheit und Ganzheit des Menschen und seiner Krankheitserscheinungen gestellt. Neben der Betrachtung der individuellen Ganzheit des Menschen wurde dabei immer auch die Ganzheit zwischen dem Individuum und seiner Umwelt gesehen."

Der Begriff der Ganzheit steht bei Bothe im Zentrum der Betrachtung. Gerade dieser Ansatz birgt aber die Gefahr, die "individuelle Ganzheit" des Einzelnen zu vernachlässigen und nur noch aufs "große Ganze" zu sehen. Im Dritten Reich wurde im naturheilkundlichen Kontext das Individuum nur noch als Teil des "Volkskörpers" gesehen. In dem totalitären Denken der Nationalsozialisten rangierte das "Wohl des Volkes" vor dem Wohl des einzelnen Patienten.

Demgegenüber wird Krankheit in der Schulmedizin von Achim Thom und Klaus Weise bestimmt als "Zustand einer Hilfsbedürftigkeit eines Menschen" wegen des "Verlustes des abgestimmten Zusammenwirkens der physischen oder psycho-physischen Funktionsglieder des Organismus". Auch wenn es mittlerweile andere, umfassendere Krankheitsdefinitionen gibt, wird auch heute noch in der schulmedizinischen Praxis Krankheit als etwas gesehen, was bekämpft werden muß. Während die Naturheilkundler die Krankheit als Möglichkeit des Körpers begreifen, sich selbst zu helfen, sehen die Schulmediziner in der Krankheit vor allem das zerstörerische, bedrohliche Element, das es zu unterdrücken gilt.

Unter Naturheilverfahren verstehe ich in Anlehnung an Klaus-Christof Schimmel Methoden, die sich an die "körpereigenen Heil- und Ordnungskräfte" wenden, um sie zu aktivieren. Naturheilverfahren nutzen "in der Natur vorkommende Mittel oder Erscheinungen, um den Menschen diagnostisch und therapeutisch in seiner Ganzheit zu erfassen."

Nach der "Weiterbildungsordnung für Ärztinnen und Ärzte in Hessen" gehören dazu "Hydro- und Thermotherapie", "Bewegungstherapie einschließlich der Atemtherapie", "Massageverfahren", "Ernährungstherapie", "Phytotherapie", "Ordungstherapie", "Ausleitende Verfahren" und "die Anwendung anderer Therapieprinzipien".

Die folgenreiche Abspaltung der Naturheilverfahren von der sogenannten "Schulmedizin" erfolgte erst im 19. Jahrhundert. Unter Schulmedizin werden seither die Lehren und Praktiken derjenigen "Medizinschulen" verstanden, die die "überwiegend anerkannten Regeln der ärztlichen Wissenschaft" vertreten und die an den Universitäten gelehrt werden. Oft wird sie gegen die Homöopathie durch den Begriff "Allopathie" abgegrenzt. Die bis dahin noch die Naturheilverfahren integrierende Medizin gab unter dem Einfluß der naturwissenschaftlichen Medizin ihre bisherige ganzheitliche Orientierung auf. Sie spezialisierte sich auf einseitige lokalistische Forschung und auf die bevorzugte Behandlung mit Medikamenten. Dieser "Schulmedizin" stehen die sog. "Außenseitermethoden" gegenüber, zu denen auch die Naturheilverfahren zählen.

Diese Außenseitermethoden werden von der "Schulmedizin" "nicht anerkannt". Der unscharfe und umstrittene Sammelbegriff Alternativmedizin umfaßt Verfahren, die von der Schulmedizin
"teilweise nicht anerkannt werden" und "anstatt dieser (oft kompromißlos) eingesetzt werden."
Beide Begriffe, "Außenseitermethoden" und "Alternativmedizin", werden oft synonym verwendet.
Sie umfassen Verfahren zur Erkennung und Behandlung von Krankheiten, die oft naturheilkundlich orientiert sind: z. B. Akupunktur, Neuraltherapie, Homöopathie, Ozontherapie. Sie gehören zu der sogenannten Erfahrungsheilkunde, deren Inhalte und Aussagen mehr auf Erfahrung als auf naturwissenschaftlich anerkannter klinischer Bewertung und Grundlagenforschung beruhen.
Andere Außenseitermethoden wie z. B. "Geistheilung", "Heilsteintherapie" und "Mesmerismus" haben mit Naturheilkunde, wie ich sie verstehe, wenig zu tun und werden in meiner Arbeit nicht berücksichtigt. In der sogenannten Komplementärmedizin wird versucht, alternative Heilverfahren ergänzend zur Schulmedizin einzusetzen (also nicht anstatt der Schulmedizin).

Die Physiotherapie nimmt in der Auseinandersetzung mit der "Schulmedizin" eine Sonderstellung ein, obwohl eine eindeutige Abgrenzung dieses Begriffes zu den "Naturheilverfahren" nicht möglich ist. "Physiotherapie" ist die Behandlung von Patienten mit physikalischen Mitteln. "Sie ist heute ein umfangreiches Teilgebiet der wissenschaftlichen Medizin, das sich jedoch erst in letzter Zeit und unter Widerständen aus den alten Naturheilmethoden ... entwickelt hat." Zur Physiotherapie gehören Naturheilverfahren wie die Anwendung von Luft, Sonnenlicht, Wasser, Massage, Elektrotherapie, und Krankengymnastik. Trotz der Präsenz der Physiotherapie an Universitäten gibt es heute noch viele Schulmediziner, die ihr kritisch gegenüberstehen. Als "Außenseiterverfahren" haben die Naturheilverfahren und die Physiotherapie jedoch zu allen Zeiten eine wichtige Stellung im Gesundheitswesen eingenommen. Durch die bekannten Naturheilkundler des 18. und 19. Jahrhunderts wurden die einzelnen Naturheilverfahren weiterentwickelt und systematisiert.
Zu diesen gehören u.a. Johann Siegmund Hahn (1696-1773), Christof Wilhelm Hufeland (1762-1836), Samuel Hahnemann (1755-1843), Vinzenz Prießnitz (1799-1851), Daniel Gottfried Moritz Schreber (1808-1861), Carl Baunscheidt (1809-1879), Sebastian Kneipp (1821-1897) und Wilhelm Winternitz (1834-1917).

Der in der ehemaligen DDR übliche Terminus Physiotherapie für Naturheilverfahren hat sich im deutschsprachigen Raum allgemein nicht in diesem Sinne durchsetzen können, obwohl im internationalen englischen Schrifttum die Übersetzung von Naturheilverfahren "Physiotherapy" ist.
Seit dem 26.5.1994 ist mit dem "Gesetz über die Berufe in der Physiotherapie" - als ob man Begriffsverwirrungen auf die Spitze treiben wollte - die bisherige Berufsbezeichnung "Krankengymnast" in "Physiotherapeut" abgeändert worden.

Bei genauerer Betrachtung finden sich auch Unterschiede im Gebrauch des Wortes Naturheilverfahren. So haben nach Ansicht einiger Autoren Außenseitermethoden wie Homöopathie, Neuraltherapie, Blutegelbehandlung, Akupunktur, Moxibustion nichts mit Naturheilverfahren zu tun. Andere sehen sie als wichtige Ergänzung der "klassischen Naturheilverfahren" (Atem- und Entspannungstherapie, Bewegungstherapie, Ernährungstherapie, Hydro- und allgemeine Balneotherapie, Klimatherapie, und Phytotherapie). Von ihnen wird sogar eine Ausbildung in Segment- und Reflexzonentherapie, Symbioselenkung und weiteren Verfahren vom Arzt gefordert, der die Zusatzbezeichnung "Naturheilverfahren" erlangen möchte.
Eine eindeutige, allgemeinverbindliche Klärung und Abgrenzung der Begriffe "Erfahrungsheilkunde", "Naturheilverfahren", "Physiotherapie", "Außenseitermethoden" ist somit nicht möglich. Die Begriffe werden z. T. synonym verwendet. Ihre genaue Bedeutung ergibt sich aus ihrem Gebrauch in einem bestimmten "Sprachspiel" (ihrer "Tiefengrammatik").

Naturheilverfahren grenzen sich von dem von Karl Eduard Rothschuh beschriebenen Naturismus ab. Unter Naturismus versteht er eine Weltanschauung, die der Maxime folgt: "Orientiere Dich in allem an der Natur und ihren Maßstäben und Du wirst gesund und glücklich leben". Diese vor allem auf Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) zurückgehende Denkrichtung tritt eher als Heilslehre auf denn als Wissenschaft. "Die unberührte Natur ist das Höchste, weil Ursprünglichste. Ihr begegnet man mit uneingeschränktem Urvertrauen und fast religiöser Verehrung." In der Regel verbindet sich mit dieser Naturverehrung eine Wissenschaftsfeindlichkeit, ein Kulturüberdruß und eine Ablehnung der Schulmedizin. So beginnt der Roman "Emil" (1762) von Rousseau mit den Worten: "Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers der Dinge hervorgeht, alles entartet unter den Händen des Menschen." Bereits an diesem Satz wird die große Kluft zwischen Naturismus und seinem Gegenspieler, dem Rationalismus, deutlich. Es handelt sich um einen Ideologienstreit, der sich bis heute weiterverfolgen läßt. Auch in Disputen zwischen Vertretern der Naturheilverfahren und "reinen Schulmedizinern" finden diese ideologischen Streitigkeiten ihren Niederschlag und führen oft zu Mißverständnissen.